Virtuelle Kirchenführung durch die Martinskirche

Amberg in
neuem licht sehen

Unser Martinstrum darf aktuell leider nicht besichtigt werden, deshalb nehmen wir euch heute einmal virtuell mit auf den höchsten Punkt der Innenstadt.

Fast täglich laufen wir an unserer Martinskirche vorbei und vergessen dabei schnell, welches große Stück Stadtgeschichte auf dem Marktplatz zu finden ist. Manchmal hilft ein Perspektivwechsel, um zu sehen, wie wunderschön unsere Altstadt doch ist. Und so treffen wir uns mit Pfarrer Helm der Pfarrei St. Martin, um die Martinskirche von einer ganz neuen Seite kennenzulernen. Eins können wir vornweg verraten – wir wurden nicht enttäuscht. 

alte gemäuer
beeindruckende geschichte

Mit der Grundsteinlegung am 21.05.1421 begann der zweit größte Kirchenbau der Oberpfalz nach dem Regensburger Dom. Bereits vor 1421 befand sich auf dem heutigen Markplatz eine Kirche, daher sind auch heute noch Elemente aus dem Jahre 1380 in der Martinskirche zu finden. Die Basilika wie wir sie heute kennen wurde jedoch 1421 erbaut. 100 Jahre wurde an der Martinskirche gebaut und für uns ist es kaum vorstellbar, dass die ersten Bauarbeiter, Architekten und Ingenieure der Kirche den Bau begannen, wissentlich, dass weder sie noch ihre Kinder das fertige Bauwerk jemals sehen werden. 

Pfarrer Helm erklärt uns die Besonderheit an der heutigen Pfarrkirche – denn vor 600 Jahren war es keine Pfarrei, die den Bau der Kirche anleitete. Die Martinskirche war von Beginn an ein Projekt der Bürger Ambergs, das von wohlhabenden Ambergern finanziert wurde. 

“Zu wissen, dass man ein Bauprojekt startet, ohne je das fertige Ergebnis zu erleben, ist schon ein harter Brocken."

Ein Herzstück der Kirche ist der Taufbrunnen, indem seit 1421 Kinder getauft werden. Der Unterbau stammt aus der Vorgängerkirche von 1380. Beeindruckend, wenn man bedenkt, dass der Brunnen auch über 600 später noch in Verwendung ist. 

33 Buntglasfenster schmücken die Martinskirche und lassen den Kirchenraum je nach Sonnenstand in buntem Licht erstrahlen. Pfarrer Helm bezeichnet die Glasfenster als „Comics des Mittelalters“. Da der Großteil der Bürger damals keine hohe Bildung genießen konnte und somit weder lesen noch schreiben konnten, erzählen die Fenster ohne Worte wichtige Bibelstellen nach. Gestiftet wurden diese von wohlhabenden Amberger Bürgern. 

Lenkt man den Blick nach oben, so erstrahlt dort das wertvollste Bild der Kirche. Das große Gemälde zeigt Ambergs Stadtpatrone und wurde von Gaspar de Crayer gemalt. Der flämische Maler de Crayer ist für seine Altarbilder und Portraits bekannt und war seinerzeit ein Schüler von Peter Paul Rubens, einem der bedeutendsten Maler der Barockzeit.

Die Tumba hinter dem Hochaltar stammt aus dem Jahr 1397. Sie ist das Grabmal des Pfalzgrafen Ruprecht Pipan, Sohn von König Ruprecht III.

Der steile Aufstieg in Dachstuhl und Kirchturm steht uns kurz bevor und wir nutzen die kleine Verschnaufpause für eine Buchempfehlung. 

Anlässlich des 600. Geburtstags der Martinskirche veröffentlichte der BÜRO WILHELM Verlag die Jubiläums-Chronik „600 Jahre Basilika St. Martin“. Angetrieben durch ein Zitat aus der Fernsehserie Monaco Franze „In einem ganz anderen Licht tät’s mich sehen“ möchte der BÜRO WILHELM Verlag Amberger und historisch Begeisterte die Basilika in einem ganz anderen Licht sehen lassen. 

Das Buch liefert nicht nur interessante Erkenntnisse und Informationen über den Bau der Basilika, sondern führt mit zahlreichen Geschichten durch die 600 jährige Geschichte unserer Martinskirche. 

 

 

 

 

Foto: Manfred Wilhelm 

 

der Dachstuhl

Durch eine kleine Tür rechts vom Haupteingang der Kirche über eine enge Treppe kommen wir nach einigen Stufen in den Dachstuhl. Und schon hier kommen wir aus dem Staunen nicht mehr raus – der Dachstuhl erstreckt sich über vier Stockwerke. Schwindelfreiheit zahlt sich auch hier aus, denn die Treppen, über die man die verschiedenen Stockwerke des Dachstuhls erreicht, sind steil und schmal. Zwischen den alten Bodenbrettern klaffen oft mehrere Zentimeter große Lücken und bei jedem Schritt knarzt und ächzt der Boden. 

Die imposanten Längsbalken des Dachstuhls sind bis zu 20 Meter lang und stammen größtenteils aus dem Jahr 1421. Über mehrere Jahrhunderte hinweg arbeiteten die verschiedensten Handwerker an dem Dachstuhl. Und an den Mauern entdecken wir, dass es bereits im 19. Jahrhundert Graffitikünstler gab – die Arbeiter verewigten sich mit Namen und Jahreszahl auf den Steinen. 

Glöckner von Amberg

Pfarrer Helm führt uns vom Dachstuhl aus weiter vorbei an den Brutkästen des Amberger Turmfalken (ja, den gibt es tatsächlich) in den Glockenturm. Die Martinskirche besitzt insgesamt neun Glocken, die älteste stammt noch aus der Vorgängerkirche aus dem Jahr 1318. Die Vorstellung, dass wir heute in der Kirche eine Glocke hören, die über 700 Jahre alt ist, ist kaum zu fassen. 

Eine der Glocken, die Sünderglocke, läutete zu jeder Hinrichtung in Amberg, auch zur letzten 1935. 

Started from the bottom
now we're here

Ein paar Treppenstufen später kommen wir in der Stube der ehemaligen Turmwache an. Hier verbrachte ein Türmer den halben Tag und die halbe Nacht, um zu überwachen, wer die Stadt betritt. Sollte sich unter den Einreisenden offensichtliche Bedrohungen befinden, war seine Aufgabe, das durch Blasen des Horns der Stadtwache zu übermitteln. 

Wir verlassen die Turmwache und Pfarrer Helm öffnet die Tür zum Außenbereich des Turms. Die Aussicht, die wir von hier oben über die Stadt haben ist atemberaubend. Alle versteckten Innen- und Hinterhöfe, kleine Balkone, Dachterrassen und noch so kleine Gässchen kommen hier zum Vorschein. Der perfekte Ort, um sich eine neue Wohnung zu suchen, denn man mag es kaum glauben, wie viele schöne Plätzchen sich direkt in der Innenstadt verstecken. 

Der Ausblick vom Turm bedarf keiner großen Worte, deswegen lassen wir an dieser Stelle Bilder sprechen. 

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