Die gebürtige Hirschauerin Melanie Hierl (25) lebt seit einigen Jahren in Stockholm und arbeitet dort als Stadtplanerin. Über die Feiertage ist sie zu ihrer Familie in die Heimat gereist und besucht uns gleich nach ihrer Quarantäne in Amberg. Wir holen zur Feier des Tages eine Flasche frisch abgefüllten schwedischen Glühwein mit Mandeln und Rosinen vom gestatten:Rossi und plaudern über die Auswirkungen der Coronakrise auf Städte wie Stockholm und Amberg. Melanie denkt, dass sich vor allem die Stadtzentren künftig ganz neu für die Zukunft ausrichten müssen. Sie gibt uns fünf Beispiele für die Amberger Altstadt.

Amberger Lieblingsplätze

Melanie liebt die besondere Aufenthaltsqualität der öffentlichen Plätze in der Amberger Altstadt. Vor allem der Marktplatz, der Rossmarkt, der Viehmarkt und der Eichenforstplatz glänzen durch ihre aufwendig renovierten Gebäude und die gemütlichen Freisitzflächen im Sommer. Die Plätze sind bei Ambergern wie auch Besuchern seit jeher unheimlich beliebt und sollten aus Melanies Sicht noch viel stärker genutzt werden. Gerade die jetzigen Wochen im Lockdown zeigen deutlich, dass die Innenstadt nicht nur zum Einkaufen und Essen gehen da ist, sondern immer auch als zentraler Treffpunkt genutzt wird. Sei es auch nur auf einen Spaziergang mit Coffee To Go. Umso wichtiger ist es, dass sich auf den öffentlichen Plätzen auch in Zukunft wieder alle Generationen willkommen fühlen. Hierfür könnte die Stadt zum Beispiel einzelne Spielgeräte, mehr Sitzmöbel und Pflanzen aufstellen. Melanies persönlicher Lieblingsfleck in der Alstadt ist der Paradeplatz. „Die Bäume und Gebäude dort sind wunderschön“, findet die Stadtplanerin „aber die Autos stören.“ Sie wünscht sich hier mehr Außengastronomie statt Parkplätze und würde die Autos der Anwohner idealerweise unter die Erde verlegen.

Im Stadtgraben schlummert Potenzial

Während die öffentlichen Plätze bereits gut angenommen werden, nutzen die Amberger ihren Stadtgraben in Melanies Augen leider noch viel zu wenig. Die diesjährige Sommerlounge vom Amberger Stadtmarketing war schon ein Schritt in die richtige Richtung. Die Natur rund ums Ei bietet aber weit mehr als nur einen optisch schönen Eingang zur Altstadt. Im Hochsommer kühlt die grüne Lunge die Temperaturen in den Gassen spürbar ab und macht auch heiße Sommertage erträglicher. Außerdem nutzen viele Jugendliche den Stadtgraben bereits seit vielen Jahren als Treffpunkt, aber für sie gibt es dort kaum Angebot. Die Spielplätze und der historische Rundgang richten sich klar an Familien und Senioren, doch für die Jugend könnten die Grünflächen aus Sicht der Stadtplanerin deutlich attraktiver gestaltet werden. Als „kostenloses Fitnessstudio“ wie mal im Amberg Magazin beschrieben, sehe den Stadtgraben bisher leider noch kaum jemand. Spontan fällt Melanie dazu eine relativ einfache Idee ein: „Vielleicht wären einzelne Sportgeräte und Kilometermarkierungen mal ein Anfang.“

Onlinehandel in die Altstadt integrieren

Gemessen an der Größe der Stadt findet Melanie, dass es in Amberg noch viele schöne Geschäfte gibt. Wenn sie zu Besuch ist, kauft sie gerne bei den kleinen inhabergeführten Läden ein und würde sich wünschen, dass diese den Onlinehandel mehr in das Stadtleben integrieren. In Stockholm betreibt das Möbelhaus IKEA beispielsweise einen kleinen Concept Store im Zentrum. In verschiedenen Themenwochen stellen die Mitarbeiter hier vor allem digitale Funktionen wie den beliebten Küchenkonfigurator im persönlichen Gespräch mit den Kunden vor. Im Anschluss liefern sie ihnen alles bequem nach Hause. „Ein Laden ist heute nur noch einer von vielen Vertriebswegen, auf denen ein Händler einen guten Kundenservice bieten sollte“, fasst Melanie zusammen. Wie der Großteil ihrer Generation möchte sie auch nach dem Lockdown weder nur online noch nur offline einkaufen, sondern immer flexibel entscheiden können.

Melanie in ihrer neuen Heimat Stockholm

Mobilität neu gedacht

Weil die Coronakrise natürlich nicht die einzige Herausforderung unserer Zeit ist, sondern uns auch der Klimawandel immer mehr zu großen Veränderungen drängt, müsse in Melanies Augen dringend der Stellenwert der Autos im Verhältnis zum ÖPNV und Rad überdacht werden. Sie verstehe natürlich, dass man in ländlichen Regionen wie in der Oberpfalz stärker auf das Auto angewiesen ist, als in der Großstadt, aber wer gesundheitlich fit ist, sollte künftig nicht mehr direkt vor einem Betrieb parken müssen, um dort einzukaufen oder Essen zu gehen. Um Anreize gegen solche Gewohnheiten zu schaffen, sollten sich die innerstädtischen Parkflächen preislich in jedem Fall stärker von den Parkhäusern unterscheiden. Auch könnten die Wege von den Parkhäusern zu den Einkaufsstraßen attraktiver für Fußgänger gestaltet werden und ein Ausbau der Radwege und des öffentlichen Verkehrs sollte zu einer Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer beitragen.

Nicht systemrelevant, aber wesentlich

Mit einem Bachelor in Humangeografie und Soziologie und einem Master in Stadtplanung betrachtet Melanie nicht nur die baulichen Eigenschaften einer Stadt, sondern auch die Emotionen, die sie auslöst. Mit Stockholm verbinde sie beispielsweise die angenehme Mischung aus Urbanität und Natur, bei ihrem vorherigen Wohnort München denke sie zuerst an den staubigen Geruch der U-Bahn-Stationen und an ihrem Studienort Würzburg schätze sie besonders das studentenfreundliche Kulturleben. Ambergs größter Pluspunkt gegenüber diesen größeren Städten steckt für Melanie in den kurzen Wegen. Hier begegnet sie immer irgendeinem bekannten Gesicht und der Alltag lässt sich viel spontaner gestalten. Diese besondere Rolle des Zufalls sollte sich ihrer Meinung nach auch in der Entwicklung der Altstadt widerspiegeln.

Sobald wir die Krise hinter uns haben, wird es uns alle sehr schnell wieder zueinander ziehen. Dann lernen wir die vielleicht nicht systemrelevanten, aber doch sehr wesentlichen Dinge im Alltag hoffentlich wieder mehr zu schätzen. Der kurze Tratsch im Lieblingsladen, ein belauschtes Gespräch am Nebentisch, ein abendlicher Lauftreff im Stadtgraben oder ein nettes Lächeln vom Busfahrer. Mit dem letzten Tropfen Glögg stoßen wir darauf an, dass diese Zeit ganz bald wieder kommt.