Meistergoldschmied Sebastian von der Recke hebt innovatives Handwerk auf ein neues Level. Für sein Projekt „Scripto“ fertigt der Amberger gemeinsam mit knapp 100 Facebook-Nutzern ein Schmuckstück, dessen Design durch Likes und Kommentare der Gruppe beeinflusst wird. Die Musterstücke erstellt er kurzerhand mit 3D-Druckern und zur Veröffentlichung kooperiert er mit verschiedenen Kreativen. So sieht das Handwerk der Zukunft aus.

Alles beginnt mit einem Online-Seminar. Von der Recke nimmt an einem mehrwöchigen Kurs für Persönlichkeitsentwicklung von dem international gefeierten Coach Veit Lindau teil. Währenddessen tauschen sich die Kursteilnehmer auch außerhalb des Online-Workshops in der dazugehörigen Facebook-Gruppe mit knapp 5.000 Mitgliedern aus. Im Juni diskutieren sie über sogenannte Gebetshülsen. Diese Anhänger umhüllen eine kleine Schriftrolle mit einem persönlichen Anliegen und werden gerne als eine Art Amulett getragen. Von der Recke schlägt vor, das besondere Schmuckstück im Sinne der Kursinhalte zu gestalten und selbst zu schmieden. Er lädt alle Gruppenmitglieder ein, an diesem Prozess aktiv teilzunehmen, woraufhin sich rund 200 Personen interessiert zeigten. Um den Rest der Teilnehmer nicht zu stören, wurde eine neue Facebook-Gruppe gegründet, die sich ausschließlich mit dem Kleinod beschäftigen sollte. Hier fanden sich immerhin 90 begeisterte Kursteilnehmer ein: Das Projekt SCRIPTO war geboren.

Virtueller Ideenaustausch

Der Kreativkopf von der Recke kennt die Arbeit im Team zwar bereits von Projekten wie der Amberg-Uhr oder seinen Goldschmiedekursen für Trauringe, aber der rein virtuelle Austausch ist auch für ihn Neuland. Er beginnt der Gruppe erste Ideen und Skizzen vorzuschlagen und verfeinert diese Stück für Stück anhand des ständigen Feedbacks. So arbeitet er beispielsweise die zwölf Tugenden durch eine kleine Krone mit zwölf Zacken ein und den Prozess der Selbstverwirklichung symbolisiert er durch die Form einer Blütenknospe. Über knapp fünf Monate hinweg helfen dem Goldschmied mehr als 600 Kommentare und 800 Likes bei der Produktgestaltung. „Crowddesign“ nennt er diesen Prozess und knüpft damit an die gemeinschaftliche Idee des Crowdfundings an.

Je tiefer der Kunde in die Fertigung eingebunden wird,
desto besser versteht er auch den Wert des Produkts.

Besonders gut kommen dabei die Live-Übertragungen aus dem heimischen Arbeitszimmer des Goldschmieds an. Mit einem Schmunzeln erzählt er: „Ich habe mich nachts, wenn ich ungestört war, an die Strukturierung der Oberfläche gemacht und die Gruppe dabei zuschauen lassen.“ Das leise Geklopfe hatte auf den ein oder anderen Zuschauer eine fast meditative Wirkung und so verfolgten sie stundenlang, wie ihr „SCRIPTO“ langsam seine Form annahm. Dass von der Recke seine Handykamera beim Schmieden auf ein provisorisches Stativ aus Kochtöpfen montierte, wirkte dabei umso authentischer.Die große und kleine Variante des Kettenanhängers „SCRIPTO“ in seine Einzelteile zerlegt.

Tradition trifft Innovation


Bei der künstlerischen Gestaltung bevorzugt der Goldschmied kleine Unebenheiten, die darauf hinweisen, dass ein Schmuckstück von Hand gefertigt wurde. Das heißt allerdings nicht, dass er sich grundsätzlich gegen den Einsatz von Maschinen stellt. Er gehörte bereits 2015 zu den ersten Handwerkern, die staatliche Fördermittel wie den Digitalbonus nutzten, um sich einen 3D-Drucker zu kaufen. Seither verwandelt er seine händischen Skizzen regelmäßig in technische Zeichnungen und druckt einen Prototypen seiner Schmuckstücke aus.

„Die Modelle aus dem 3D-Drucker wirken viel zu perfekt, synthetisch, seelenlos“, findet der Goldschmied. „Sie eignen sich aber ideal als Vorlage zum Schmieden.“

Zu Beginn kostet es ihn noch etwas Überwindung, seine Arbeiten nicht erst im fertigen Zustand zu präsentieren. Die Bedenken erwiesen sich jedoch schnell als unbegründet, nachdem er kontinuierlich positive Rückmeldungen von seiner virtuellen Designcrowd erhält. Die Begeisterung für das gemeinsame Arbeiten packt schnell auch branchenfremde Teilnehmer. Der Musikproduzent Andreas Fischer kümmert sich um die musikalische Untermalung und diverse „Handmodels“ melden sich für die Präsentation – alle haben über Facebook von dem Gemeinschaftsprojekt erfahren und wollten sich beteiligen.

Die technische Zeichnung des Schmuckstücks im ersten Bild dient als Vorlage. Das erste Modell aus dem 3D-Drucker (hier in blau) hat ein Loch. Auch solche kleinen Fehler teilt der Goldschmied. Das letzte Bild zeigt die aufwendige Strukturierung der Oberfläche.


Von der Recke freut sich schon jetzt über das mehr als gelungene Projekt und die neuen Erfahrungen, die er im letzten halben Jahr gewinnen konnte. Bei einer Veranstaltung von Veit Lindau in Wien konnte er der Frau des Redners bereits das Kleinod präsentieren. „Immerhin steckt ja die Lehre von Veit Lindau interpretiert durch die Gruppe in diesem außergewöhnlichen Schmuckstück“, erzählt der Amberger Goldschmied.

Wenn sich Synergien ergeben, profitieren alle Beteiligten.

Er hofft nun auf die Unterstützung des Redners bei der Bekanntmachung. Eine etwas kleinere Variante des Anhängers wird gerade umgesetzt, um zwei verschiedene Preisklassen bedienen zu können. Erste Reservierungen sind bereits eingetroffen und so fand die ein oder andere Dame dieses Weihnachten ein Schmuckstück unter dem Christbaum, das sie selbst mit gestalten durfte.Bei einem homodea-Event des Redners Veit Lindau in Wien trägt Sebastian von der Recke das SCRIPTO um seinen Hals.

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